Hartz4 – die andere Seite

Ich begleite nun wirklich viele Menschen zu den Ämtern, zu den verschiedenen Jobcentern in Duisburg.

So nehme ich zwangsläufig immer die Perspektive der Betroffenen ein. Von ihnen aus ist Hartz4 ein Zwangssystem, gelebte Aussortierung von Menschen, Runterklassifizierung von Millionen Einzelschicksalen.

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Ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber ich fand, dass 10 Jahre Hartz4 eine gute Gelegenheit wären, mal die andere Seite auf Hartz4 anzusprechen.

Vielleicht war es auch der Blick des Mitarbeiters. Jedenfalls war der Termin gut verlaufen, und wir – der Mitläufer und der Mitarbeiter – kamen ins Gespräch.

Eigentlich fing ich an zu reden, über Hartz4 – also 10 JAHRE Hartz4. Als er nur müde abwinkte, und weil ich alles schon hundertmal gesagt hatte, ließ ich ihn reden. Nachfolgend ein Protokoll. So ist das Gespräch gelaufen. Es wurde nicht viel später niedergeschrieben. Dem Sinn nach ist alles korrekt wiedergegeben.

„Ich hab in den ganzen Jahren nicht einen Kunden gehabt, der sich dafür interessiert hat, wie ich mich fühle. Ich, der auf der anderen Seite vom Schreibtisch sitzt. Nicht einen Kunden. Nun, ich kann verstehen, dass die Leute kein großes Mitgefühl mit uns entwickeln. Die Leute kommen mit echten Sorgen, sie haben Angst, dass ich ihnen etwas wegnehme. Für sie bin ich die Macht, die Instanz. Sicherlich etwas Böses. Mit Sicherheit etwas Bedrohliches. Was ist ihnen denn geblieben!? Sie sehen in mir nicht den Guten – das ist wohl so!“

Ich nicke. Nach meiner Erfahrung ist genau darum sinnvoll, in Begleitung zu kommen. Es kommt jemand, der zwischen den Polen Platz nimmt. Ohne viel zu sagen, ist die Stimmung eine andere. Und die Situation ist eigentlich sofort entspannt.

„Wer weiß denn, dass ich selbst arbeitslos war? Wissen sie es?“ sagt er. Ich verneine. In der Tat hielt ich ihn für einen städtischen Angestellten. Nicht gut gestellt, aber vom 16. bis zum 65. Lebensjahr unkündbar. Lebenslänglich freigestellt von der Leistungsgesellschaft. „Sehen sie!“, sagt er. „Bevor ich hierher kam, war ich in der Buchhaltung von XXX. Na, sie wissen vielleicht, dass wir vor ein paar Jahren fusioniert sind. Aber sie wissen vielleicht nicht, dass unsere gesamte Buchhaltung wegfunsioniert wurde. Dort habe ich meine Lehre gemacht! Ich war ein halbes Jahr – ein bisschen drüber – in ALG I und wäre unweigerlich in ALG II abgerutscht, wenn ich nicht diese Stelle bekommen hätte!“

Ich war ehrlich verblüfft: Ein Arbeitsloser als Arbeitsvermittler!? Ob er ein Einzelfall sei, fragte ich.

„Natürlich nicht – zwei meiner ehemaligen Kollegen sehe ich hier jeden Tag. Arbeitslose mit Büroerfahrung werden regelmäßig umgeschult. Und wir werden uns Ende des Jahres auf der anderen Seite des Schreibtisches wiederfinden, wenn nicht ein Wunder geschieht. Die Kollegen und ich haben die vier Jahre nämlich rum – so sieht es aus!“

Von welchen vier Jahren er rede, frage ich.

„Na, dann fang ich mal besser von vorne an: Nach der Arbeitslosigkeit haben wir erst einen Lehrgang gemacht – 3 Monate. Zum Arbeitsvermittler. Reicht nicht entfernt, aber dem Amt hat es gereicht. 2 Jahre den Job hier, dann 2 Jahre eine Verlängerung. Nach 4 Jahren müssten sie uns übernehmen. Das tun sie natürlich nicht. Statt Unkündbarkeit kommt die Entlassung. Und wieder kommen Neue in den Lehrgang. Und fangen an, sich einzuarbeiten.“

Das sei doch völlig unökonomisch. Es brauche doch Zeit, bis jemand eingearbeitet sei.

„Es braucht sicherlich ein Jahr. Mit einer gewissen Vorbildung kann sich der Mitarbeiter danach vernünftig um die Menschen
kümmern.“ Er lacht bitter. „Wenn es denn um Menschen ginge. Und nicht um Fallquoten, die zu erfüllen seien. Es weiß niemand, der das Amt nur von außen sieht. Es ist aber so: Offiziell hat jeder von uns 150 Fälle zu bearbeiten. Offiziell! Da aber 1/3 der Mitarbeiter krank geschrieben sind, 1/3 in Fortbildung ist, kommen auf jeden Mitarbeiter das Dreifache an Fällen. Also 450 pro Schreibtisch.“ Er zeigt mit der Hand einen unsichtbaren Stapel, der sich auf dem Schreibtisch vor ihm auftürmt.

Warum er das so mitmache, frage ich.

Er schaut kurz zur Decke auf: „Wir kriegen Druck von beiden Seiten. Sie müssen sich vorstellen, dass es von oben nur darum geht, immer höhere Fallzahlen abzuwickeln. Und unten – von den Antragstellern her – geht es um die Betreuung. Und wir stecken dazwischen. Wir machen es den einen nicht gut, und den anderen auch nicht. Ich kann nur sagen: Die Stimmung ist richtig mies! Schauen Sie nicht nur auf die Wartehalle. Logisch, ich wäre auch mies drauf, wenn ich 2 Stunden auf eine Leistungsauskunft warten müsste! Wäre ich auch – und werde ich sein, wenn ich wieder anstehe! Aber die Stimmung ist überall in diesem Amt mies. Dieses ganze Hartz4 ist ein Zwangssystem, in dem wir alle miteinander drinstecken! Und ich sehe keinen, der damit glücklich ist!“

Mir sei aufgefallen, wie schlecht die Abläufe organisiert seien, sage ich. Wie lang die Wartezeiten seien, dass die Daten nicht zusammengeführt würden, dass die Anträge unnötig kompliziert seien. Alles sei Handarbeit und endlose Warterei. Die Ämter seien – so mein Eindruck – nicht in unserer Zeit angekommen. Jedenfalls nicht die Ämter in Duisburg …

„Da kommt auch nichts. Vergiss es!“ sagt er und ist bei einem freundlichen ‚Du‘ angekommen. „Das ‚Hartz4‘ ist die Stadt. Und Duisburg ist runter gewirtschaftet. Schuldenspirale, eher ein ABGRUND. Nur das Land und der Bund könnten Mittel freigeben. Tun sie aber nicht. Das Land ist pleite, und der Bund spart. Das Amt hier in Duisburg ist 20 Jahre hinter einer modernen Verwaltung zurück. Und es wird auch so bleiben.“

Er steht auf und reicht mir die Hand. „Der nächster Fall wartet“, sagt er entschuldigend.

Er lächelt bitter: „Wir sehen uns Ende des Jahres auf der anderen Seite.“

Mir fällt dazu eigentlich nur ein: „Der Fisch stinkt vom Kopf herab…“

Frank Knott